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Wasser-Informationsportal

 

 

 

Der Weltmarkt Wasser (die kapitalistische Sicht der Welt)

Chancen und Risiken

 

Dipl.-Wirtschaftsgeograph Pascal Ehrhardt

pascal-ehrhardt@arcor.de

02-2002

 

1.    Der Weltmarkt Wasser, Markt mit stark wachsender Nachfrage

Die steigende Nachfrage nach Wasser- und Abwasseraufbereitung sowie Konsolidierung und tiefgreifende strukturelle Veränderungen innerhalb der Branche lassen eine überdurchschnittliche Entwicklung für die nächste Zukunft in diesem Sektor erwarten. Die jährliche Steigerung des weltweiten Pro-Kopf-Wasserverbrauchs beträgt 2,5% und ist damit doppelt so hoch wie die Bevölkerungswachstumsrate. Das Niveau der gegenwärtigen Ausgaben für den gesamten Wasserhaushalt ist derzeit lediglich bei einem Drittel der im nächsten Jahrzehnt jährlich zu erwartenden anfallenden Kosten.

Rund die Hälfte der Weltbevölkerung verwendet mangels Zugang zu Trinkwasser Wasser zweifelhafter Qualität. Die Notwendigkeit der Desinfektion von Trink- und Brauchwasser stellt sich zwangsläufig in den Vordergrund. Ursache dafür ist die weltweit sich verschlechternde Qualität der nutzbaren Wasserressourcen. Insbesondere der steigende Eintrag von Stickstoff und Kohlenstoff durch Landwirtschaft, Industrie und den Menschen bietet für Bakterien gute Wachstumsbedingungen, die zur Vermehrung von pathogenen Keimen im Wasser führen. Schwermetalle, Quecksilber und organische sowie anorganische Belastungen vergiften zusehends Grundwasser, Flüsse und Seen. Das Absinken des Grundwasserspiegels wäscht vielerorts Arsen aus dem Grundgestein aus. “Wenn die Menschheit nicht bald etwas unternimmt, wird ihr das Trinkwasser ausgehen“, so das Worldwatch Institute, Washington DC im Dezember 2000. Weitere kombiniert klimatisch-anthropogene Faktoren wie der Rückzug bei gleichzeitiger Versalzung der Süßwasserflächen auf der Erde verschärfen die Situation. Marode Leitungsnetze der Wasserversorgung (400.000 Kilometer allein in Deutschland nach Angaben der Deutsche Bank Research) und erneuerungsbedürftige Wassergewinnungs-, Lagerungs- und Aufbereitungsanlagen bilden ein zusätzliches Problem mit einem geschätzten Umsatz von 20 Mrd. € pro Jahr (Die Zeit 32/2001) zur Behebung.

Der Wassermarkt ist der Versorgerbereich mit dem höchsten Wachstumspotential (WestLB-Analyst Peter Wirtz). Weltweit profitiert somit die Branche vom anhaltenden Bevölkerungswachstum, von einer zunehmenden Verstädterung und einem ökonomischen Wachstum bei einem steigendem Druck auf den Rohstoff Trinkwasser durch negative Umwelteinflüsse. Nicht umsonst wird das Wasser als “blaues Gold“ oder als “Öl  des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. An dem Kampf um den lukrativen Markt beteiligen sich vor allem die großen Versorger.

Die zwangsläufig eingeleitete Privatisierung von Wasserversorgung (z.B. durch Vivendi Environnement und Suez Lyonnaise des Eaux als Marktriesen) und Wasseraufbereitungsanlagen findet in einem noch nie da gewesenen Ausmaße statt, nachdem staatliche Wasserversorgungs- und Abwasserbetriebe immer mehr Mühe hatten, ihre Dienstleistungen in genügender Qualität  - oft zufolge einer ungenügenden Kapitalausstattung - zu erbringen. Die Kluft zwischen gefordertem Standard und derzeitigem Niveau kann nur durch den Einsatz von Technologien privater Unternehmen überwunden werden.

Die globalen Marktführer

Land

 

 

Marktkapazität in US$

 

Vivendi Environnement

Frankreich

36 Mrd.

Suez Lyonnaise des Eaux

Frankreich

20 Mrd.

RWE (Thames Water)

Deutschland

7 Mrd.

United Utilities

Großbritannien

4 Mrd.

Severn Trent

Großbritannien

4 Mrd.

Ebara

Japan

3 Mrd.

Anglian Water

Großbritannien

3 Mrd.

Hercules

USA

3 Mrd.

American Water Works

USA

3 Mrd.

Gelsenwasser (E.on)

Deutschland

2 Mrd.

Sabesp

Brasilien

2 Mrd.

Die Marktführer im Wassermarkt (Verteilung 2001)

Am 4. Januar 2000 lancierte Pictet & Cie. Genf den weltweit ersten Wasser-Sektorfonds, den Pictet Global Sector Fund Water. Weitere Wasser-Sektorfonds der UBS bzw. deutscher Privatbanken sowie kleinere Wasserfonds folgten, um am Umsatz von 430 Mrd. € im Jahre 2010 allein der privaten Wasserbetriebe weltweit teilzunehmen. 60 Nachhaltigkeits- und Ökofonds im deutschsprachigen Raum mit einem Gesamtvolumen von rund € 2,6 Mrd. konsolidieren bereits Wasser- und Ökoinvestments. Jahr für Jahr werden Investitionen von 75 Mrd. € im Bereich kommunale Trinkwasserversorgung nötig sein (Prognose Deutsche Bank Research). „Wasser ist ein sehr langfristiges und sicheres Geschäft, denn jeder Mensch braucht täglich Wasser“, so Gunda Röstel, ehemalige Vorsitzende der Grünen und jetzt Managerin der Gelsenwasser AG.

Eine Branche mit Wachstumsphantasie, absolut zuverlässiger Nachfrage und obendrein staatlicher Wettbewerberschutz - das klingt wie der Wunschtraum eines jeden Investors.  Das Geschäft mit dem feuchten Element rückt zunehmend ins Blickfeld der Anleger. Weltweit bauen derzeit große Energiekonzerne ihre Wassersparten aus. Sie wittern einen neuen Boom, denn in immer mehr Staaten beauftragen Politiker private Unternehmen mit der Versorgung und Reinigung von Wasser. (Handelsblatt, 06.09.2000)

 

Wasser – Grundlage allen Lebens.

Laut einem Bericht der UNO von 1999 sterben jährlich ca. 5,3 Millionen Menschen aus Mangel an sauberem Trinkwasser.

In Deutschland erkranken jährlich ca. 10.000 Menschen an der Legionärskrankheit, jede fünfte Erkrankung verläuft tödlich. Infektionsgrund: Keine Wasseraufbereitung!

 

2.    Quantifizierung des Kapitalmarktes Wasser

Zur Analyse und sukzessiven Quantifizierung des Kapitalmarktes Wasser werden umfassende Erhebungen aus der von ORISA Umweltconsulting GmbH, Tübingen im Jahre 1998 verfassten Studie „Trendstudie über den Markt der Wasseraufbereitung weltweit“ zusammen und ergänzend mit Erkenntnissen aus der von Helmut Kaiser im Jahre 1999 ebenfalls in Tübingen erstellten Expertise unter dem Titel „Total Water Management 1998 – 2000 – 2005 – Perspective 2015“ herangezogen unter Verwendung von teilweise aktualisierten Zahlen.

Die Entwicklung des Gesamtmarktes des Total Water Management wird demnach den gewonnenen Erkenntnissen zufolge weltweit wertmäßig von  aktuell € 148 Mrd. auf € 219 Mrd. im Jahre 2005 prognostiziert, davon für die  Teilmärkte  Trinkwasser von  € 37 Mrd. auf  € 63 Mrd., Abwasser von  € 90 Mrd. auf € 122 Mrd., Prozesswasser von € 6 Mrd. auf € 8 Mrd. und für übrige Anwendungen von € 17 Mrd. auf € 24 Mrd. über den gleichen Betrachtungszeitraum. Bis 2015 wächst der übergeordnete Gesamtmarkt des Total Water Management auf weitere € 225 Mrd. an.

Für die weiteren Betrachtungen ist eine Unterscheidung in eine Desinfektion/Entkeimung und in eine Aufbereitung von Wasser relevant.

 

3. Quantifizierung des Kapitalmarktes Wasserdesinfektion

Von dem Gesamtvolumen entfallen rund € 2 Mrd. (im Jahre 2005 € 3,8 Mrd.) auf den Marktbereich der Wasserdesinfektion. Die Entwicklung der Anwendungsbeteiligung zur Wasserdesinfektion unter Berücksichtigung einer Teilsubstitution des Chlormarktes - Dosierung von Chlor und Chlorderivaten - durch die elektrochemische Erzeugung von Chlor vor Ort (Chlorelektrolyse, EC, u. a.) verschiedener Verfahren, bezogen auf ein Geldwertvolumen von € 3,8 Mrd., geht aus folgender Diagrammdarstellung hervor:-

Wasserqualität ist messbar. Chemikaliendosierung, Ozonzugabe oder eine schnelle Wiederverkeimung wirken qualitätsmindernd bzw. gesundheitsgefährdend. 

Quelle: Überarbeitung der Zahlen der ORISA Umweltconsulting GmbH

4. Quantifizierung des Kapitalmarktes  “Wasseraufbereitung“

Im Gegensatz zum Markt der Wasserentkeimung als spezifischen Markt für singuläre Verfahrenslösungen (in der Hauptsache aktuell noch Chlordosier-, UV- und Ozonverfahren) verweist eine weitere und grundliegende Struktur des Weltmarktes Wasser auf eine zwingende Logik mit veränderten Konsequenzen. Diese neue Struktur wird von zwei quantitativen und qualitativen Merkmalen bestimmt, welche einerseits die Wasserverwendung als Grundparameter berücksichtigen (anthropogene Betrachtung) sowie andererseits die Begegnung der Wasserknappheit von Trink- oder Brauchwasser (physisch-geographische sowie raumtypische Betrachtung) in jegliche Überlegung mit einbeziehen. Ein Aufgaben- und Anforderungstransfer aus dem umwelttechnischen Bereich sowie aus Randbereichen wie dem der Windenergie und Wasserstoffwirtschaft zu einer energetisch und technisch sinnvollen Gesamtlösung verstärkt diese Tendenz.   

Diese zwei Merkmale sind:

Þ            Wasserverknappung durch Sicherung der Versorgung der Menschheit mit Nahrungsmitteln (anthropogener Faktor)

Þ            Sicherung neuer Quellen für den Bezug von Trinkwasser, gerade unter Berücksichtigung der räumlich ungleichen Verteilung der Vorkommen mit Einbezug der Raumüberbrückungsfunktion (raumbezogener physisch-geogra-phischer Faktor)

Wasser wird knapp, seine Qualität ist gefährdet (WHO, 2001)

 Bewässerungsanbau in Jordanien

Innovative Wasseraufbereitungs- und Bewässerungsverfahren sind für Landwirtschaft und Industrie ein künftiges Muss.

Im Bereich der Landwirtschaft werden Technologien zum Einsatz kommen müssen, welche trotz der Erfolge wachstumsstärkerer Hybride aus den Gen-Laboren Wasser sparen. So ist ein Umstieg von der wasserverschlingenden Fruchtbewässerung auf die Tropfenbewässerung, wie Experten vorschlagen, die einzig sinnvolle Alternative mit bis zu 70 % reduziertem Wasserverbrauch und 90 % höheren Ernteerträgen. Kernelement dieser Methode bleibt aber das Wasser. Dieses muss eine geringe Wasserhärte sowie nur wenig Chloride (Salz) enthalten, weil sonst das Scheitern einerseits durch Unterbindung der Tropfung sowie durch Versalzen der Böden und des Grundwassers bzw. die Zerstörung der Pflanzungen zwingend evident sind (Berichte der FAO). Dieser Produktionsfaktor wird umso wichtiger, je schlechter die verfügbare Qualität des Wassers ist (gelöste Stoffe, Verunreinigungen, mikrobieller Befall, anaerobes Wachstum,…).

Quelle: Pacific Institute for Studies in Development, Environment & Security (USA) und ORISA Umweltconsulting GmbH für Total Water Management 2005

 Zwingend sind daher Aufbereitungsverfahren, welche nicht nur entkeimen, sondern auch entsalzen, enthärten, entmineralisieren bzw. in Verbindung mit weitreichenden Entkeimungsmaßnahmen die Wasserqualität generell aufwerten. Dies gilt für die Trink-, Prozess-, Abwasseraufbereitung und übrigen Anwendungen.

Membrantrennverfahren (Ultrafiltration oder Umkehrosmose) sowie elektrochemische Systeme auch als Kombinationsverfahren sind bis heute die einzige existierende Lösung für Probleme der dezentralen Wassergewinnung, Wasserrückgewinnung sowie der übergreifenden Wasseraufbereitung aus Sicht einer effizienteren Wassernutzung. Bei Überarbeitung dieser Fakten in die Erhebungsgrundlagen der ORISA –Studie zur Umsatzentwicklung der Wasserdesinfektionsverfahren mit Ausweitung der Aufgabenfelder auf die Wasseraufbereitung als übergeordnete Disziplin und unter Berücksichtigung der interdisziplinären Gesamtwassertechnologien ergibt sich ein Gesamtweltmarkt der Wasseraufbereitung mit einer neuen Verfahrenszuordnung sowie -gewichtung. Die Tendenzen werden als bis 2025 erweiterte Prognose im folgenden ins Bild übertragen.

Quelle: Überarbeitung der Zahlen der ORISA Umweltconsulting GmbH unter Berücksichtigung der vom Autor erwarteten Veränderung der Verfahrenszuordnungen. Im Rahmen dieser Überlegung kommt es unter Berücksichtigung aktueller Marktentwicklungen zur Einteilung der UV-Verfahren in eine gemeinsame Gruppe mit den Ozonverfahren sowie zur Ausweitung von “einfachen“ Membrantrennverfahren als Standardprodukt der Wasserqualitätsaufwertung/Keimreduzierung (z. B. Hausfiltersysteme)

Die Wasserdesinfektion ist eine nur untergeordnete Teildisziplin der Wasseraufbereitung. Der Markt der Wasseraufbereitung wird somit als zusammenfassender Markt, nach vorsichtigen Schätzungen, gut ein Viertel des Volumens des Gesamtmarktes des Total Water Management (Marktvolumen 2015 von ca. € 225 Mrd.), welcher sich inkl. Bau- und Raumüberbrückungsmaßnahmen versteht, einnehmen. Denn, je größer die Bevorratungsmengen, je weiter die Verteilungswege, je schlechter die Rohwasserqualität, umso überproportional größer der Bedarf an Wasseraufbereitung auf Versorger- sowie auf Verbraucherseite. 

5. Wachstum des Wassermarktes

Nach Schätzung der Weltbank müssen in den nächsten 10 Jahren 600 Mrd. Dollar investiert werden, um die Wasserversorgung, und -aufbereitung sowie -entsorgung allein in den Entwicklungsländern sicherzustellen, eine politische Gegebenheit höchster Brisanz bei sonst zu befürchtender erneuter Migrationsbewegungen in die wasserreichen Länder dieser Erde.

Auf dem Millenniumsgipfel der UNO vor zwei Jahren war das Ziel verabschiedet worden die Zahl der Menschen die keinen direkten Zugang zu trinkbarem Süßwasser haben (1,1 Mrd./2002) zu halbieren. Folgerichtig sind nach UNO-Schätzungen die zusätzlichen Investitionen für Trinkwasserprojekte auf      € 183 Mrd. (€ 9,2 Mrd./a) zu verdoppeln (Johannesburg, 28, Aug. 2002/Reuters).

Im Gesamtbereich der Wasseraufbereitung wird in den “Emerging Markets“ in Osteuropa, Ost- und Südostasien, in Lateinamerika sowie in Teilbereichen Südeuropas und im Südwesten der USA vor allem nach neuen Abwasseranlagen eine steigende Nachfrage entstehen (Unternehmensberatung Frost & Sultivan/The Central and Eastern European Water and Wastewater Treatment Market). Der Zufluss von privatem Kapital in diese Märkte wird nach Ansicht der Kaiser-Studie aber auch die Investitionen in den Bereichen der Trinkwasser- und Prozesswasseraufbereitung ansteigen lassen. Westeuropa und Nordamerika weisen dagegen einen hohen Bedarf an Erneuerung, Ergänzung und Ersatz für bestehende Anlagen zur Trinkwasserversorgung und zur Abwasserbehandlung auf. Bei steigenden Preisen für die Bereitstellung von Trinkwasser und für die Abwasserentsorgung bestehen die Konzepte für die industrielle Wasseraufbereitung der Zukunft in Kreislaufführung, Recycling von Wasser und schadstofffreier Aufbereitung.

Fazit:

In allen Bereichen des Wassermanagements werden durch entstehenden Kostendruck im Zuge der rapiden Privatisierung im Sinne eines ökonomischen Wirtschaftens mit dem Handelsgut Wasser singuläre Lösungen wie die der konventionellen Chlorung, der Ozon- oder der UV-Behandlung aufgrund verfahrenstechnischer und betriebswirtschaftlicher Defizite weiter signifikant an Boden verlieren. Unternehmen der Wasserversorgung werden in Verfolgung einer verstärkten Kreislaufwirtschaft unter Berücksichtigung der Ver- und Entsorgungsseite Verfahren mit minimalem Eintrag und maximaler Fernwirkung sowie bester Langzeitwirkung aus Renditegründen favorisieren. Nur Verfahren und Technologien höchster Effizienz, messbarer Wirkung und regelbarer Mechanismen, die flexibel, wartungsarm, langlebig und prinzipbedingt autoregulativ sich steuern sowie vernetzbar mit modernen Informationssystemen sind, werden sich schlussendlich aus dem Motiv der technischen Machbarkeit und der ökonomischen Notwendigkeit heraus durchsetzen. Das Verfahren der elektrochemischen Aufbereitung, mit den wichtigsten qualitativen Alleinstellungsmerkmalen ausgestattet, ist folglich für nahezu alle Einsatzbereiche das einzige Verfahren, das diesen Ansprüchen gerecht wird.

Nachhaltige Prozess- und Umwelttechnologien werden im Sinne von Wirtschaftlichkeit und technischer Machbarkeit die Zukunft für sich beanspruchen. Konventionelle “Hammermethoden“ bzw. ungenügend effiziente Techniken passen da nicht ins Bild.